Einleitung: Wenn alles rot ist und der Puls steigt

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Sie wachen auf, werfen einen Blick aufs Handy – und überall dominiert Rot. In den Nachrichten ist von „Korrektur“, „Crash“ oder „Panik“ die Rede. Ihr Depotwert ist spürbar gefallen. Plötzlich fühlt es sich an, als stünde nicht nur eine Zahl auf dem Spiel, sondern Ihre Zukunft: Altersvorsorge, Eigenkapital für eine Immobilie, finanzielle Sicherheit für die Familie.

In so einem Moment ist der Impuls stark, „wenigstens irgendetwas zu tun“. Viele klicken dann reflexhaft auf „Verkaufen“, weil sich das wie Kontrolle anfühlt. Doch genau diese Reaktion ist der typische Fehler, der aus einem vorübergehenden Rückgang einen dauerhaften Schaden macht.

Dieser Leitfaden ist nicht dafür da, das Tief vorherzusagen oder das nächste „sichere“ Asset zu finden. Er ist dafür da, Ihnen ein ruhiges, alltagstaugliches Vorgehen zu geben: Was passiert bei einem Börsenrückgang wirklich? Welche Entscheidungen sind jetzt sinnvoll – und welche sind teuer? Wie bleiben Sie handlungsfähig, ohne Ihr langfristiges Ergebnis zu sabotieren?

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Was ein Börsencrash wirklich ist – und warum er dazugehört

Börsenrückgänge sind kein Systemfehler. Sie sind Teil des Preises, den Anleger für langfristige Rendite zahlen. Aktienmärkte schwanken, weil Erwartungen schwanken: Konjunktur, Zinsen, Unternehmensgewinne, politische Risiken, Energiepreise, Lieferketten. Oft gibt es einen konkreten Auslöser. Aber für Ihre persönliche Geldanlage ist nicht die Schlagzeile entscheidend, sondern Ihr Verhalten.

Ein Crash fühlt sich wie „das Ende“ an, weil er plötzlich passiert und weil Verluste emotional deutlich stärker wirken als Gewinne. Dabei ist es normal, dass breit gestreute Aktienportfolios zwischenzeitlich zweistellige Rückgänge erleben. Wer weltweit diversifiziert investiert (zum Beispiel über breit streuende ETFs wie MSCI World, FTSE All-World oder Kombinationen aus Welt- und Schwellenländer-ETFs), bekommt diese Schwankungen mitgeliefert – und wird langfristig dafür kompensiert.

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Der entscheidende Perspektivwechsel lautet: Nicht jede Bewegung im Depot ist ein Problem, das gelöst werden muss. Viele Bewegungen sind schlicht Marktrauschen auf dem Weg zu einem langfristigen Ziel.

Warum wir in Crashs so irrational reagieren

Wenn Kurse fallen, reagiert der Körper oft schneller als der Kopf. Stress, Anspannung, das Bedürfnis, Schmerz zu vermeiden. Psychologisch ist das logisch: Unser Gehirn interpretiert Verlust als Gefahr. Das führt zu klassischen Denkfehlern:

  • Verlustaversion: Ein Minus fühlt sich „doppelt so schlimm“ an wie ein Plus sich gut anfühlt.
  • Verfügbarkeitsheuristik: Wenn Medien permanent Crash-Szenarien zeigen, überschätzen wir die Wahrscheinlichkeit weiterer Abstürze.
  • Aktionismus: Nichtstun fühlt sich wie Kontrollverlust an, obwohl es oft die beste Entscheidung wäre.

Die Börse belohnt selten das, was sich im Moment gut anfühlt. „Erleichterung“ durch Verkauf kann teuer sein, weil sie häufig genau dann kommt, wenn Kurse schon stark gefallen sind – und weil man anschließend einen zweiten, noch schwierigeren Schritt schaffen müsste: rechtzeitig wieder einzusteigen.

Papierverlust oder echter Verlust? Der wichtigste Realitätscheck

Bevor Sie überhaupt über Maßnahmen nachdenken, trennen Sie zwei Dinge:

Papierverlust
Der Depotwert ist gefallen, aber Sie besitzen weiterhin dieselbe Anzahl an ETF-Anteilen oder Aktien. Es wurde nichts final entschieden. Es ist eine Bewertung „zu diesem Zeitpunkt“.

Realisierter Verlust
Erst wenn Sie verkaufen, wird aus dem Papierverlust ein endgültiger Verlust. Sie haben dann weniger Kapital, das sich in einer späteren Erholung wieder nach oben arbeiten kann.

Ein hilfreicher Vergleich: Wenn der Marktwert einer Immobilie kurzfristig sinkt, verkaufen die meisten Menschen nicht panisch innerhalb von 24 Stunden. Sie leben weiter, bezahlen die Rate, warten ab. Bei Aktien-ETFs ist das Prinzip ähnlich – mit dem Unterschied, dass die Preisschwankungen täglich sichtbar sind und damit emotional stärker triggern.

Die 9 ruhigen Schritte: Was Sie bei einem Börsencrash konkret tun sollten

1) Stoppen Sie die Reizüberflutung für 48 Stunden

Wenn Kurse stark schwanken, werden Apps, Pushmeldungen und Live-Ticker zur Stressmaschine. Reduzieren Sie die Informationsflut radikal:

  • Pushmeldungen zu Kursen ausschalten
  • Depot-App nicht ständig öffnen
  • Nachrichten nur 1× täglich, zu einer festen Uhrzeit

Ziel ist nicht Ignoranz, sondern Handlungsfähigkeit. Gute Entscheidungen entstehen selten in einem Zustand von Alarm.

2) Prüfen Sie Ihren Zeithorizont – nicht die Schlagzeile

Die zentrale Frage lautet: Wann brauchen Sie das Geld wirklich?

  • Unter 3 Jahren: Dieses Geld sollte im Regelfall nicht in Aktien investiert sein.
  • 3 bis 7 Jahre: Mischstrategie und Schwankungsfähigkeit sind entscheidend.
  • 7+ Jahre: Kurzfristige Einbrüche sind statistisch viel weniger relevant als die Gefahr, gar nicht investiert zu sein.

Wenn Sie für Altersvorsorge investieren und noch Jahrzehnte Zeit haben, sind fallende Kurse nicht nur „schmerzhaft“, sondern auch eine Phase, in der Ihr Sparplan mehr Anteile pro Euro kaufen kann.

3) Checken Sie zuerst Ihren Notgroschen

Bevor Sie irgendetwas am Depot verändern, prüfen Sie Ihre Liquidität:

  • Haben Sie 3 bis 6 Monatsausgaben als Notgroschen (Tagesgeld oder gut verzinstes Konto)?
  • Stehen in den nächsten Monaten große Ausgaben an (Auto, Umzug, Steuerzahlung, Renovierung)?
  • Ist Ihr Einkommen stabil oder gibt es ein realistisches Risiko (Befristung, Branche unter Druck)?

Wenn der Notgroschen fehlt, wirkt ein Crash doppelt bedrohlich, weil Sie fürchten, bei einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen zu müssen. Ein robuster Notgroschen ist oft das beste Anti-Panik-Instrument.

4) Tun Sie das „Langweilige“: Halten Sie an Ihrer Strategie fest

Die meisten Privatanleger scheitern nicht an fehlenden Informationen, sondern an inkonsistentem Verhalten. Eine gute Strategie ist einfach genug, dass Sie sie auch in schlechten Phasen durchhalten können:

  • breit diversifizierte ETFs
  • klare Ziel-Allokation (z. B. 80/20 oder 70/30 Aktien/Anleihen)
  • regelmäßiger Sparplan
  • Rebalancing-Regel

Wenn Sie keine Strategie haben, ist ein Crash der Moment, sie zu definieren – aber nicht hektisch im Tief, sondern strukturiert.

5) Rebalancing: Nutzen Sie Rückgänge systematisch

Wenn Aktien fallen, verschiebt sich Ihr Portfolio automatisch: Der Aktienanteil wird kleiner, der defensive Anteil (z. B. Anleihen, Geldmarkt, Tagesgeld) relativ größer. Rebalancing bedeutet: Sie bringen die ursprüngliche Zielgewichtung wieder zurück.

Beispiel (vereinfacht):
Sie wollten 70% Aktien-ETFs und 30% defensiv. Nach einem Einbruch sind es vielleicht 60/40. Rebalancing heißt dann, defensiven Anteil teilweise zu verkaufen oder neue Sparraten stärker in Aktien zu lenken, um wieder Richtung 70/30 zu kommen.

Der Vorteil: Sie kaufen mechanisch günstiger nach, statt emotional zu handeln. Rebalancing zwingt Sie zu dem, was sich in Crashs schwer anfühlt, aber oft sinnvoll ist: antizyklisch handeln.

6) Sparplan beibehalten – und wenn möglich erhöhen

Ein Crash ist für Sparer häufig eine „Rabattphase“. Wenn Sie monatlich investieren, profitieren Sie vom Cost-Average-Effekt: Bei niedrigeren Kursen kaufen Sie mehr Anteile.

Eine kleine Tabelle macht das greifbar:

MarktniveauKurs pro Anteil300 € SparrateGekaufte Anteile
Hoch100 €300 €3,0
Rückgang80 €300 €3,75
Stärkerer Rückgang60 €300 €5,0

Wichtig: Das ist keine Garantie für Timing-Vorteile, sondern ein Stabilitätsprinzip. Wer in schlechten Phasen konsequent weiterkauft, sammelt in der Regel die Anteile ein, die später besonders stark zur Erholung beitragen.

7) „Sichere Häfen“ kritisch prüfen: Cash, Gold, Krypto

In Crashs locken einfache Geschichten: „Raus aus Aktien, rein in Cash“, „Gold ist sicher“, „Krypto ist die Zukunft“. Die Realität ist nüchterner:

Cash kann kurzfristig beruhigen, hat aber ein Problem: Kaufkraftverlust durch Inflation. Wer dauerhaft zu viel Cash hält, nimmt oft stillen Vermögensverlust in Kauf.

Gold kann diversifizieren, liefert aber langfristig nicht zwingend die Rendite produktiver Unternehmensbeteiligungen. Es kann Phasen geben, in denen Gold lange seitwärts läuft.

Krypto ist hoch volatil und eignet sich nicht als klassischer Stabilitätsanker. In Stressphasen kann es sogar stärker fallen als Aktien.

Wenn Sie umschichten wollen, sollte das aus Ihrer langfristigen Allokation heraus passieren – nicht als reflexhafte Flucht.

8) Steuerliche Hebel in Deutschland: Verluste sinnvoll nutzen, ohne sich zu verzetteln

In Deutschland werden Kapitalerträge in der Regel über die Abgeltungsteuer besteuert (zzgl. Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer). Verluste können mit Gewinnen verrechnet werden. Praktisch läuft das häufig über sogenannte Verlustverrechnungstöpfe bei Ihrer Bank oder Ihrem Broker.

Was Sie konkret tun können:

  • Prüfen, ob Sie einen Freistellungsauftrag nutzen (Sparer-Pauschbetrag).
  • Verstehen, dass realisierte Verluste zukünftige oder aktuelle Gewinne steuerlich ausgleichen können.
  • Wenn Sie ein Wertpapier mit Verlust verkaufen, kann das steuerlich nützlich sein – aber nur, wenn Sie auch Gewinne haben oder künftig erwarten.

Wichtig ist die Umsetzung ohne Selbstsabotage: Steueroptimierung ist zweitrangig gegenüber Strategie und Kosten. Wenn Sie wegen Steuern hektisch handeln, steigen Transaktionskosten und Timing-Risiko.

Für solide, verbrauchernahe Erklärungen zu Geldanlage und ETFs ist die Verbraucherzentrale eine gute Anlaufstelle: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/geld-versicherungen/sparen-und-anlegen

9) Überprüfen Sie Ihr Risikoprofil, aber ändern Sie nicht im Panikmodus

Wenn ein Rückgang Sie nachts wach hält, ist das ein Signal: Ihre Risikotoleranz ist möglicherweise niedriger als angenommen. Das ist kein Versagen, sondern Information.

Sinnvoll ist eine Anpassung nach Beruhigung der Lage, nicht mitten im Sturm. Fragen, die Sie dann beantworten sollten:

  • Welches Minus könnte ich aushalten, ohne zu verkaufen? 10%, 20%, 40%?
  • Habe ich zu stark auf einzelne Branchen, Länder oder Einzelaktien gesetzt?
  • Passt meine Aktienquote zu meinem Zeithorizont und meiner Psyche?

Ein „Schlaf-gut-Depot“ ist nicht das Depot mit maximaler Rendite auf dem Papier, sondern das Depot, das Sie wirklich durchhalten. Dazu gehören oft:

  • ausreichender Notgroschen
  • klare Aufteilung (Aktien/Anleihen/Cash)
  • Automatisierung (Sparpläne, feste Rebalancing-Termine)
  • breite Diversifikation

Wann Sie tatsächlich handeln sollten

Es gibt Situationen, in denen ein Kursrückgang nicht nur „aushalten“ bedeutet, sondern Anpassung erfordert. Drei typische Fälle:

Sie brauchen das Geld sehr bald

Wenn Sie in den nächsten 6 bis 24 Monaten kaufen, bauen oder umziehen möchten, ist Aktienrisiko oft fehl am Platz. Dann ist die wichtigste Lehre: Geld mit kurzem Zeithorizont gehört eher in risikoarme Anlagen.

Sie sind gehebelt investiert

Kredite für Investments erhöhen das Risiko massiv. Wenn Kurse fallen, können Zwangsverkäufe drohen. Für Privatanleger ist Hebel oft eine unnötige Gefahrenquelle.

Sie sind nicht diversifiziert

Ein Depot aus wenigen Einzelwerten kann bei schlechten Nachrichten dauerhaft beschädigt werden. Ein breit gestreuter ETF-Ansatz senkt dieses Klumpenrisiko deutlich.

Ein ruhiger Crash-Plan, den Sie heute festhalten können

Damit Sie beim nächsten Einbruch nicht improvisieren, schreiben Sie sich eine kurze Crash-Regel auf – idealerweise als Notiz, die Sie bei Bedarf wieder lesen:

  1. Ich verkaufe keine Aktien-ETFs wegen Nachrichten oder Tagesbewegungen.
  2. Ich prüfe Notgroschen und Zeithorizont – nicht den Depotstand.
  3. Ich halte Sparpläne mindestens konstant; falls möglich, erhöhe ich sie.
  4. Ich rebalance nach Regel (z. B. 1× pro Jahr oder bei Abweichung von 5 Prozentpunkten).
  5. Ich ändere die Aktienquote nur nach einer Abkühlphase von mindestens 30 Tagen.

Diese wenigen Sätze verhindern, dass Emotionen Ihre Strategie ersetzen.

Fazit

Die Kunst, nicht zu viel zu tun

Investieren ist kontraintuitiv. In vielen Lebensbereichen führt mehr Einsatz zu mehr Erfolg. An der Börse führt zu viel Aktion oft zu schlechteren Ergebnissen. Gerade in Crashphasen gewinnt häufig derjenige, der einen Plan hat, automatisiert umsetzt und das Drama ignoriert.

Wenn die Märkte fallen, erinnern Sie sich an eine einfache Wahrheit: Als langfristiger Anleger sind Sie meist Netto-Käufer. Niedrigere Kurse sind nicht nur „schlecht“, sie sind auch bessere Einstiegspreise für Ihre zukünftigen Anteile.

Wenn Sie jetzt nur eine Sache tun: Prüfen Sie Ihren Notgroschen. Wenn er solide ist und Sie das Geld lange nicht brauchen, schließen Sie die App – und lassen Sie Ihren Plan arbeiten.

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