Notgroschen Was er ist, wie viel du sparen solltest und wo du ihn anlegst
Notgroschen ist eines dieser Finanzwörter, das unscheinbar klingt, aber in der Praxis einen riesigen Unterschied macht.
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Denn egal wie gut du planst: Das Unerwartete kommt. Ein kaputtes Auto, eine teure Reparatur in der Wohnung, ein Zahnarzttermin, der plötzlich mehrere hundert Euro kostet, oder eine Phase mit weniger Einkommen – solche Situationen sind nicht selten, sie gehören zum Leben. Der entscheidende Punkt ist nicht, ob etwas passiert, sondern ob du dann zahlen kannst, ohne dich wieder in Schulden zu manövrieren.
Viele Menschen haben ihr Geld „irgendwie“ auf dem Girokonto, manche gar keine Rücklagen, andere investieren alles und hoffen, im Notfall einfach verkaufen zu können. Beides ist riskant: Auf dem Girokonto verliert Geld langfristig Kaufkraft, und ein Depot kann genau dann fallen, wenn du schnell Liquidität brauchst. Der Notgroschen ist deshalb ein eigenes, bewusst aufgebautes Sicherheitsnetz: Er schützt deinen Alltag, dein Budget und deine langfristigen Ziele.
In diesem Artikel klären wir Schritt für Schritt:
- was ein Notgroschen genau ist (und wofür er nicht gedacht ist)
- wie viel du realistisch sparen solltest – abhängig von deiner Lebenssituation
- wo du ihn sicher und verfügbar parkst (ohne spekulative Risiken)
- wie du ihn schneller aufbaust, auch mit wenig Spielraum
- wie du ihn vor Zweckentfremdung schützt
- was nach dem Notgroschen als nächster sinnvoller Schritt folgt
Was ist ein Notgroschen?
Ein Notgroschen ist Geld, das du gezielt zurücklegst, um unerwartete, notwendige Ausgaben sofort bezahlen zu können, ohne neue Schulden zu machen. Wichtig sind drei Merkmale:
- Sicher: keine starken Kursschwankungen
- Liquid: schnell verfügbar, im Idealfall innerhalb von 1–2 Tagen
- Abgegrenzt: mental und organisatorisch getrennt vom Alltagsgeld
Typische Situationen, für die ein Notgroschen gedacht ist:
- plötzliche Reparaturen (Auto, Waschmaschine, Heizung)
- medizinische Kosten (Zuzahlungen, Brille, Behandlungen)
- kurzfristige Einkommenslücken (Jobwechsel, Auftragsflaute, Krankheit)
- dringende Reise- oder Familiennotfälle
- unerwartete Nachzahlungen (Strom, Nebenkosten)
Nicht dafür gedacht ist er für:
- Urlaub, Shopping, neue Technik
- „weil ich es mir jetzt verdient habe“
- planbare Anschaffungen (dafür sind eigene Spartöpfe besser)
Diese klare Trennung ist entscheidend. Ein Notgroschen ist kein „Extra-Geld“, sondern deine finanzielle Stoßstange.
Wie viel solltest du sparen?
Die Höhe hängt von deiner Stabilität ab: Einkommen, Job- oder Auftragslage, Fixkosten, Gesundheit, Kinder, Verantwortung. Es gibt keine Zahl, die für alle passt, aber es gibt sinnvolle Zielbereiche.
1) Startziel: 500–1.000 € (Mini-Notgroschen)
Wenn du bei null startest oder Schulden abbauen musst, ist ein kleines Ziel wichtiger als Perfektion. 500–1.000 € reichen oft, um kleine Krisen abzufedern, ohne sofort in Dispo oder Kreditkarte zu rutschen.
Warum das so stark wirkt:
- du vermeidest neue Schulden bei kleinen Notfällen
- du reduzierst Stress sofort
- du bleibst im Tilgungsplan, statt ständig zurückzufallen
2) Standardziel: 3–6 Monate Fixkosten
Das ist für viele Angestellte ein sinnvoller Bereich. Wichtig: Es geht um Fixkosten und notwendige Ausgaben, nicht um „Wunsch-Lifestyle“.
Zu den Monatskosten zählen typischerweise:
- Miete/Wohnkosten
- Strom/Gas/Wasser/Internet
- Lebensmittel
- Mobilität (Ticket, Sprit, Versicherung)
- Versicherungen
- Mindestzahlungen für Kredite (falls vorhanden)
- Kinderbetreuung (wenn unvermeidbar)
Rechenbeispiel:
- notwendige Monatskosten: 2.000 €
- Ziel 3 Monate: 6.000 €
- Ziel 6 Monate: 12.000 €
3) Sicherheitsziel: 6–12 Monate (höhere Unsicherheit)
Das kann sinnvoll sein, wenn du:
- selbstständig bist oder unregelmäßiges Einkommen hast
- allein für Familie verantwortlich bist
- gesundheitliche Risiken berücksichtigen musst
- in einer Branche mit schwankender Nachfrage arbeitest
- hohe Fixkosten hast, die sich kurzfristig nicht senken lassen
Wichtig ist: Ein großer Notgroschen ist nicht „immer besser“. Er kostet Opportunitätsrendite, weil dieses Geld nicht langfristig investiert wird. Aber Sicherheit ist auch ein Wert. Der richtige Betrag ist der, bei dem du nachts ruhig schlafen kannst, ohne langfristige Ziele zu sabotieren.
Tabelle: Orientierung nach Lebenssituation
| Situation | Sinnvoller Zielbereich | Begründung |
|---|---|---|
| stabile Anstellung, geringe Fixkosten | 3 Monate | schnelle Rückkehr in Einkommen wahrscheinlich |
| Familie/hohe Verantwortung | 4–6 Monate | mehr Risiken, mehr Verpflichtungen |
| Selbstständig/unregelmäßig | 6–12 Monate | Einnahmen können stark schwanken |
| hoher Schuldenabbau nötig | 500–1.000 € zuerst | Rückfall in neue Schulden verhindern |
Wo solltest du den Notgroschen aufbewahren?
Der Notgroschen hat eine andere Aufgabe als ein Depot. Hier gilt: Sicherheit vor Rendite. Du brauchst keine „maximale Performance“, sondern Verfügbarkeit.
Option 1: Tagesgeldkonto (meist die beste Lösung)
Ein Tagesgeldkonto ist in Deutschland für viele der Standard: getrennt vom Giro, flexibel verfügbar, in der Regel mit Zinsen. Achte auf:
- keine Kontoführungsgebühren
- schnelle Überweisung aufs Giro
- Einlagensicherung (EU/Deutschland, bis 100.000 € pro Bank und Kunde)
Tagesgeld ist ideal, weil es „langweilig“ ist. Genau das willst du beim Notgroschen.
Option 2: Geldmarktfonds oder sehr konservative Geldmarkt-ETFs (nur wenn du es verstehst)
Für manche ist ein Geldmarktfonds interessant, weil er oft ähnlich wie Tagesgeld funktioniert, aber über das Depot läuft. Wichtig:
- Wertschwankungen sind gering, aber nicht null
- Verfügbarkeit ist gut, aber du brauchst Verkaufs- und Abwicklungszeit
- du solltest die Funktionsweise wirklich verstehen
Wenn du maximale Einfachheit willst, bleib beim Tagesgeld.
Option 3: Kurzfristige Festgelder als Ergänzung (Staffelung)
Wenn dein Notgroschen groß ist, kannst du ihn aufteilen:
- ein kleiner Teil sofort verfügbar (Tagesgeld)
- ein Teil als Festgeld mit kurzer Laufzeit (z. B. 3–6 Monate), gestaffelt
Das nennt man oft „Laddering“: Du legst mehrere kleine Beträge mit unterschiedlichen Laufzeiten an, damit regelmäßig etwas fällig wird und du nicht alles gleichzeitig bindest.
Wichtig: Festgeld ist nur sinnvoll, wenn du trotzdem jederzeit genug Liquidität hast.
Klare Warnung: Nicht in Aktien, Krypto oder Immobilien parken
Ein Notgroschen darf nicht dort liegen, wo er plötzlich 20% weniger wert sein kann – genau dann, wenn du ihn brauchst. Das ist der klassische Fehler: „Ich investiere alles, im Notfall verkaufe ich.“ Der Notfall kommt oft dann, wenn Märkte schlecht laufen oder du ohnehin Stress hast. Der Notgroschen soll dich davor schützen, unter Druck zu verkaufen.
Wie baust du den Notgroschen schneller auf?
Viele denken: „Ich kann nicht sparen.“ In der Praxis ist es oft eher: „Ich kann nicht auf einmal viel sparen.“ Der Trick ist Konsistenz.
1) Automatisieren (klein starten)
- 10 € pro Woche sind 40 € im Monat
- 25 € pro Woche sind 100 € im Monat
- 100 € im Monat sind 1.200 € im Jahr
Automatisierung schlägt Motivation.
2) Einmal-Geld konsequent umleiten
- Steuererstattung
- Bonus/Prämie
- Geschenk-Geld
- Verkauf von ungenutzten Dingen
Regel: 100% davon geht in den Notgroschen, bis das Startziel steht.
3) Abos und „Lecks“ schließen
Typische Lecks:
- doppelte Streamingdienste
- ungenutzte Apps
- Lieferdienste als Routine
- teure Spontankäufe
Wenn du 2 Abos kündigst und 1x weniger bestellst, entstehen schnell 40–80 € monatlich. Das fühlt sich nicht nach „Sparen“ an, bringt aber den Notgroschen schnell voran.
4) Spar-Challenges mit realem Nutzen
Beispiel:
- „7 Tage keine Spontankäufe“
- „2 Wochen Lunch mitnehmen“
- „1 Monat nur 1 Lieferdienst“
Wichtig: Nicht extrem, sondern wiederholbar.
Notgroschen trotz Schulden – sinnvoll oder nicht?
Ja – aber in Stufen.
Wenn du Schulden hast, besonders teure (Dispo, Kreditkarte), ist der Plan meist:
- Mini-Notgroschen (500–1.000 €)
- dann aggressiver Schuldenabbau
- danach Notgroschen auf 3–6 Monate ausbauen
Warum? Ohne Mini-Notgroschen reicht eine Reparatur und du machst neue Schulden – und dein Schuldenabbau fällt wieder auseinander. Der kleine Puffer stabilisiert dein System.
Wie verhinderst du, dass du den Notgroschen „zweckentfremdest“?
Die meisten scheitern nicht am Sparen, sondern am Dranbleiben. Hier helfen klare Barrieren.
Praktische Schutzmaßnahmen:
- separates Tagesgeldkonto bei einer anderen Bank
- Konto-Name: „Notfall – nicht anfassen“
- klare Regel: Nur für „unerwartet + notwendig + sofort“
- 24-Stunden-Pause vor Entnahme (außer echter Notfall)
- nach Entnahme: sofort Plan, wie du ihn wieder auffüllst
Wenn du bei Regeln und Budget-Struktur Unterstützung brauchst, sind neutrale Verbraucherinfos auf Verbraucherzentrale hilfreich, besonders bei Konten, Gebühren und Vertragsfallen.
Was kommt nach dem Notgroschen? Von Verteidigung zu Aufbau
Ein voll aufgebauter Notgroschen ist nicht das Ende, sondern der Start in echte Vermögensbildung. Du hast dann etwas, das viele unterschätzen: Ruhe und Handlungsfähigkeit.
Nächste Schritte, sinnvoll sortiert
- Teure Schulden konsequent abbauen (falls noch vorhanden)
- Altersvorsorge stärken (betriebliche Vorsorge, private Vorsorge, Depot)
- Ziele in Spartöpfe aufteilen (Urlaub, Auto, Wohnung, Weiterbildung)
- langfristig investieren (breit gestreut, kostengünstig, passend zur Laufzeit)
Für alltagsnahe Erklärungen zu Budget, Tagesgeld, Rücklagen und sinnvollen Prioritäten ist Finanztip eine gute deutsche Quelle, weil sie viele Entscheidungen ohne Verkaufsdruck erklärt.
Sinking Funds: Planbare Ausgaben getrennt vom Notgroschen
Viele verwechseln Notgroschen mit „alles sparen“. Besser ist:
- Notgroschen = unerwartet
- Sinking Fund = erwartbar, aber unregelmäßig (z. B. Autoreifen, Brille, Urlaub)
So bleibt der Notgroschen wirklich für Notfälle.
Der Notgroschen kauft dir Sicherheit und Freiheit
Notgroschen ist mehr als Geld auf einem Konto. Er ist ein Schutzschild gegen Schulden, Stress und finanzielle Kurzschlüsse. Mit einem klaren Ziel (erst klein, dann größer), einem sicheren Parkplatz (meist Tagesgeld) und konsequenter Automatisierung baust du ein Fundament, auf dem du danach wirklich Vermögen aufbauen kannst.
Starte nicht mit dem perfekten Betrag, sondern mit dem ersten, machbaren Schritt: 10 € pro Woche, 50 € im Monat, ein Dauerauftrag am Monatsanfang. Der beste Zeitpunkt, einen Notgroschen zu bauen, ist bevor der Sturm kommt – und der zweitbeste ist heute
Anika Schröder
Finanzexpertin für persönliche Finanzen
Anika Schröder ist in Berlin zu Hause und überzeugt davon, dass wahrer Wohlstand mit guter Organisation beginnt. Als Anhängerin des Frugalismus teilt sie praxisnahe Tipps, wie man die Lebenshaltungskosten in der Großstadt optimiert, ohne auf Lebensqualität zu verzichten. Bei Gooblum Finanzen verantwortet sie den Bereich Private Finanzen.