Vom Angestellten zum Freelancer: Die wichtigsten Finanzfragen vor dem Sprung

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Die Vorstellung ist verlockend: kein Chef mehr, kein Pendeln, Arbeiten vom Café um die Ecke oder vom Sofa aus, und theoretisch kein Einkommenslimit nach oben. Der Schritt vom Angestelltenverhältnis in die volle Selbstständigkeit als Freelancer gehört zu den aufregendsten Karriereentscheidungen überhaupt.

Er gehört allerdings auch zu den riskantesten.

Viele Menschen konzentrieren sich bei diesem Wechsel fast ausschließlich auf das Thema Freiheit: flexible Arbeitszeiten, Wunschprojekte, selbstbestimmtes Arbeiten. Was dabei oft unterschätzt wird, ist der entscheidende Erfolgsfaktor dieses Schritts – und der ist alles andere als glamourös: die Finanzen.

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Der Wechsel vom Angestellten zum Freelancer ist nicht nur ein neuer Jobtitel. Er ist eine komplette Veränderung deiner finanziellen Realität. Du bist nicht mehr nur Arbeitskraft, sondern gleichzeitig Geschäftsführung, Buchhaltung, Vertrieb, Marketing und IT-Support.

Bevor du deine Kündigung einreichst, solltest du die romantische Vorstellung von der Selbstständigkeit beiseitelegen und dich ehrlich mit den Zahlen auseinandersetzen. Genau dabei hilft dir dieser Artikel.

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Im Folgenden gehen wir die wichtigsten finanziellen Fragen durch, die du dir beantworten musst, bevor du den Sprung wagst. Wenn du sie souverän beantworten kannst, bist du gut vorbereitet. Wenn nicht, brauchst du möglicherweise noch etwas finanziellen Spielraum.

1. Hast du ein finanzielles Polster – und ist es groß genug?

Als Angestellter bedeutet ein schlechter Monat vielleicht ein langweiliges Projekt oder ein nerviger Vorgesetzter. Als Freelancer kann ein schlechter Monat schlicht null Umsatz bedeuten.

Mit der Kündigung verschwindet das regelmäßige Gehalt, das zuverlässig jeden Monat auf deinem Konto landet. Um diese Anfangsphase mit schwankenden Einnahmen zu überstehen, brauchst du eine finanzielle Startbahn. Oft wird sie als Notgroschen oder Freiheitspolster bezeichnet.

Die entscheidende Frage

Kann ich 6 bis 12 Monate ohne neue Einnahmen überleben?

Für Angestellte empfehlen viele Finanzexperten einen Notgroschen von drei Monatsgehältern. Für angehende Freelancer ist das in der Regel zu wenig. Dein Puffer muss deutlich größer sein, weil er mehrere Risiken abfedern muss:

  • Die Zeit, bis du deine ersten zahlenden Kunden gewinnst
  • Zahlungsziele von 30 oder 60 Tagen, die in Deutschland völlig normal sind
  • Saisonale Schwankungen, etwa im Sommer oder zum Jahresende
  • Unerwartete Ausgaben wie Steuernachzahlungen oder Krankheitsphasen

Ein finanzieller Puffer von sechs bis zwölf Monaten deiner privaten Fixkosten gibt dir etwas Entscheidendes: Verhandlungsmacht. Du kannst Nein zu schlechten Kunden, unrealistischen Deadlines und Dumpingpreisen sagen. Ohne diesen Puffer arbeitest du aus Angst – und das ist der schnellste Weg, die Selbstständigkeit zu hassen.

2. Hast du das „unsichtbare Gehalt“ einkalkuliert?

Das ist einer der größten Schocks für neue Freelancer in Deutschland.

Wenn du als Angestellter beispielsweise 60.000 Euro brutto im Jahr verdienst, kostet du deinen Arbeitgeber deutlich mehr. Ein Teil deiner Sozialabgaben, deine Krankenversicherung, gegebenenfalls ein Zuschuss zur Altersvorsorge, Arbeitsmittel, Software und Weiterbildung werden vom Unternehmen mitgetragen.

Als Freelancer übernimmst du all diese Kosten selbst.

Die entscheidende Frage

Bin ich bereit, Sozialabgaben, Versicherungen und Benefits komplett selbst zu tragen?

In Deutschland bedeutet das konkret:

Krankenversicherung:
Als Selbstständiger musst du dich selbst versichern – gesetzlich oder privat. Die Beiträge können mehrere hundert Euro pro Monat betragen und orientieren sich am Einkommen. Eine gute Übersicht bietet zum Beispiel Finanztip:
https://www.finanztip.de/krankenversicherung/selbststaendige/ .

Renten- und Altersvorsorge:
Für viele Freelancer besteht keine Pflicht zur gesetzlichen Rentenversicherung. Das heißt aber nicht, dass du nichts zurücklegen solltest. Im Gegenteil: Du trägst die volle Verantwortung für deine Altersvorsorge.

Steuern:
Einkommensteuer, Solidaritätszuschlag, gegebenenfalls Kirchensteuer und unter Umständen Umsatzsteuer. Anders als im Angestelltenverhältnis wird nichts automatisch abgeführt – du musst Rücklagen bilden und Vorauszahlungen leisten. Offizielle Informationen findest du beim Bundesministerium der Finanzen:
https://www.bundesfinanzministerium.de

Arbeitsmittel und Software:
Laptop, Smartphone, Cloud-Dienste, Buchhaltungssoftware, Adobe, Microsoft, Projektmanagement-Tools – all das zahlst du selbst.

Bezahlte Auszeiten entfallen:
Urlaub, Krankheit oder Elternzeit bedeuten in der Regel: kein Einkommen.

Um deinen bisherigen Lebensstandard zu halten, reicht es daher nicht aus, einfach dein altes Bruttogehalt als Ziel zu setzen. Dein Umsatz muss deutlich höher liegen.

3. Umsatz ist nicht Einkommen – kennst du den Unterschied?

Ein häufiger Denkfehler: 5.000 Euro Rechnungsbetrag im Monat fühlen sich an wie 5.000 Euro Gehalt. In Wirklichkeit sind sie das nicht.

Umsatz ist das Geld, das dein Business einnimmt.
Einkommen ist das Geld, das nach Steuern und Kosten tatsächlich für dich übrig bleibt.

Die entscheidende Frage

Ist mein Stundensatz hoch genug, um Kosten, Steuern und mein eigenes Gehalt zu decken?

Viele Freelancer orientieren sich bei der Preisgestaltung an ihrem früheren Angestelltengehalt. Das führt fast immer zu einer versteckten Gehaltskürzung.

Als Freelancer arbeitest du nicht 40 Stunden pro Woche abrechenbar. Ein erheblicher Teil deiner Zeit fließt in Akquise, Buchhaltung, E-Mails, Weiterbildung und Organisation. Diese Stunden bezahlt dir niemand direkt.

Beispiel: Angestellter vs. Freelancer

KategorieAngestellterFreelancer
Brutto-Stundensatz50 €50 €
SozialabgabenArbeitgeber beteiligtvollständig selbst
Krankenversicherungbezuschusstvollständig selbst
Software & Toolsgestellteigene Kosten
Admin-Zeitbezahltunbezahlt
Realer Wertca. 50 €deutlich geringer

Diese vereinfachte Darstellung zeigt, warum dein Stundensatz als Freelancer höher sein muss als dein rechnerischer Angestellten-Stundensatz. Sonst arbeitest du viel – und kommst finanziell nicht voran.

4. Kannst du mit unregelmäßigem Cashflow umgehen?

Als Angestellter bekommst du dein Geld regelmäßig. Als Freelancer arbeitest du oft heute – und wirst erst Wochen oder Monate später bezahlt.

In Deutschland sind Zahlungsziele von 14, 30 oder sogar 60 Tagen keine Seltenheit, insbesondere bei größeren Unternehmen.

Die entscheidende Frage

Wie bezahle ich meine laufenden Kosten, wenn Kunden spät zahlen?

Du brauchst klare Strukturen:

  • Separate Konten für private Ausgaben und Geschäftseinnahmen
  • Ein System zur Rechnungsstellung und zum Mahnwesen
  • Finanzielle Rücklagen, um Zahlungslücken zu überbrücken

Du agierst faktisch als Bank für deine Kunden. Ohne Organisation und Disziplin kann das schnell zu Stress und Liquiditätsproblemen führen.

5. Ist dein Auftrags-Pipeline real oder Wunschdenken?

„Ich habe ein paar Interessenten.“

Das ist einer der gefährlichsten Sätze angehender Freelancer. Interesse ist kein Vertrag. Ein nettes Gespräch ist kein Umsatz.

Die entscheidende Frage

Habe ich zahlende Kunden oder ein verlässliches System zur Kundengewinnung?

Idealerweise startest du nicht aus dem Nichts. Baue dir deine Selbstständigkeit nebenberuflich auf. Sichere dir ein oder zwei feste Kunden, die regelmäßig Umsatz bringen.

Die Industrie- und Handelskammern weisen regelmäßig darauf hin, dass mangelnde Aufträge einer der Hauptgründe für das Scheitern von Selbstständigen sind. Hilfreiche Informationen bietet zum Beispiel die IHK:
https://www.ihk.de

Eine bewährte Faustregel: Kündige erst, wenn dein freiberufliches Einkommen über mehrere Monate hinweg mindestens 50 bis 70 Prozent deines Angestelltennettos erreicht.

6. Hast du einen klaren Plan B?

Optimismus ist wichtig. Realismus ist überlebenswichtig.

Nicht jede Selbstständigkeit funktioniert langfristig. Märkte verändern sich, persönliche Prioritäten verschieben sich, oder äußere Krisen treffen plötzlich ganze Branchen.

Die entscheidende Frage

Ab welchem Punkt kehre ich ins Angestelltenverhältnis zurück?

Definiere vorab klare Kriterien, zum Beispiel:

  • Wenn meine Rücklagen unter einen bestimmten Betrag fallen
  • Wenn ich über mehrere Monate keinen stabilen Umsatz erreiche
  • Wenn sich meine finanzielle Situation trotz voller Auslastung nicht verbessert

Ein vorher festgelegter Ausstieg schützt dich davor, aus Stolz oder Angst schlechte finanzielle Entscheidungen zu treffen.

Fazit: Mit offenen Augen in die Selbstständigkeit

Der Schritt vom Angestellten zum Freelancer kann befreiend sein – aber Freiheit ist nicht kostenlos. Sie wird mit Verantwortung bezahlt.

Wenn du dir diese finanziellen Fragen ehrlich beantwortest, bist du nicht pessimistisch, sondern professionell. Du behandelst deine Karriere wie ein Unternehmen und nicht wie ein Glücksspiel.

Mit ausreichenden Rücklagen, realistischen Preisen, einem funktionierenden Cashflow und einem Plan B fühlt sich der Sprung nicht wie ein Sturz ins Ungewisse an, sondern wie der Start von einer soliden Rampe.

Rechne nach. Wenn die Zahlen stimmen, kannst du kündigen. Dein neues Kapitel wartet bereits.

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